2025: Projekt der Gedenkstätte Ahrensbök
»Es geschah vor unserer Haustür«. Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Todesmarsches durch Ostholstein
Mitte April 1945 kamen im Lübecker Hafen Häftlinge aus den Konzentrationslagern Auschwitz-Fürstengrube und Mittelbau-Dora an. Zu Fuß wurden sie von Lübeck über Ahrensbök nach Neustadt in Holstein getrieben, um an Bord der Schiffe Cap Arcona und Thielbek zu gehen. Haben die Dorfbewohner damals hingeschaut oder weggesehen, waren sie beschämt, entsetzt, gleichgültig? Hat jemand geholfen oder auch noch zugeschlagen? Nach 1945 herrschte Schweigen und Vergessenwollen.
Nur wenige der Häftlinge überlebten den Todesmarsch und die Bombardierung der Schiffe am 3. Mai 1945. Mehr dazu im Kapitel »Der Todesmarsch«.
Am 27. April 2025, zum 80. Jahrestag des Todesmarsches, richtete die Gedenkstätte Ahrensbök eine Gedenkveranstaltung in der Scheune auf Gut Glasau bei Sarau aus – gemeinsam mit Enkeln von zwei Häftlingen, die damals in der Glasauer Scheune untergebracht waren. Sebastian Hammer von der Gedenkstätte Mittelbau-Dora berichtete in aller Deutlichkeit von den Ereignissen und von der Verantwortung des SS-Oberscharführers Max Schmidt aus Neuglasau, einem Ortsteil von Sarau.
Nach dem Programm in der Scheune wurde am 400 Meter entfernten Kirchplatz von Sarau eine von 12 Informationstafeln zum Todesmarsch von Lübeck nach Neustadt/Holstein enthüllt. Die Tafeln markieren zusammen mit Gedenkstelen 12 Stationen des Todesmarsches. Siehe dazu auch das Kapitel »Wegzeichen«.
Fotobericht
Vortrag von Sebastian Hammer
Bericht im »Reporter« vom 1. Mai 2025
Bericht in GedenkenBedenken Nr.7, der Publikation des Netzwerk Erinnerungskultur auf dem Gebiet der Nordkirche, Seite 64-66
Alle Ausgaben von GedenkenBedenken

Auf dem kleinen Platz gegenüber dem Eingang zur Sarauer Kirche informiert nun neben der Thingeiche und der Stele zum Todesmarsch die neue Tafel mit QR-Code die Passanten:

Link zur Gedenkstätte Ahrensbök
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I N H A L T
• Das Denkmal
• Historische Fotos
• Die »Ehrentafeln« im Altarraum der Marienkirche
• Der Bibelspruch
• »Lerne vom Militär!«
• Die Gräber der Zwangsarbeiter:innen
• Das Eiserne Kreuz
• Der Stahlhelm
• Eichenlaub
• Kaiser Wilhelm I.
• 1915: Die Nagelung des Eisernen Kreuzes
• 1928: 600 Jahrfeier
• Die KZ-Gedenkstätte
• Der Todesmarsch
• Der Film »Verdrängen und Erinnern«
• Wegzeichen
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Ahrensbök, Kreis Ostholstein
Vor der Marienkirche, kein Kirchgänger kann es übersehen
In den 50er Jahren beschlossen Gemeindevertreter und Kirchengemeinde neben den »Ehrentafeln« in der Kirche ein Denkmal für die toten Soldaten beider Weltkriege vor der Kirche zu errichten. Der Entwurf stammt von Kurt Kühn, der seit 1946 den Steinmetzbetrieb Kühn Natursteine e.K. in Ahrensbök führte. Im November 1954 wurde das Denkmal eingeweiht. 1964 hielt die Patenkompanie aus Neumünster zum Volkstrauertag die Ehrenwache.

Foto: Genet / Wikimedia Commons
Ein großes dreidimensionales Eisernes Kreuz steht auf der Spitze des Denkmals aus hellem Granit. Mehr im Kapitel »Das Eiserne Kreuz«.
Vom Weg zum Kirchportal führen Steinstufen zum Denkmal. Ein dreigliedriger flacher Sockel trägt die hohe eckige Säule.
Auf der Säule in tiefergelegten Feldern ist senkrecht die Widmung zu lesen:
UNSEREN TOTEN
An den Seitenflügeln des Sockels stehen die Jahreszahlen der Weltkriege:
1914–1918 1939–1945

In der Mitte des Sockels in einem runden Medaillon ist ein Stahlhelm auf Eichenlaub im Relief zu sehen. Mehr in den Kapiteln: »Der Stahlhelm« und »Eichenlaub«
Das Eiserne Kreuz als militärische Ehrenzeichen und die Darstellung von Stahlhelm und ehrendem Eichenlaub lassen keinen anderen Schluss zu: mit »Unseren Toten« sind in Ahrensbök tote Soldaten gemeint.
In Deutschland starben im 1. Weltkrieg über 2 Millionen deutsche Soldaten und 700 000 Zivilisten.
Im 2. Weltkrieg: Der Griff Nazideutschlands zur Weltmacht endete mit der totalen Niederlage und der Bilanz von fast 40 Millionen Opfern, die meisten davon Zivilisten, u.a. 30 Millionen Sowjetbürger, 6 Millionen Polen, 2 Millionen Jugoslawen, 500 000 Tschechoslowaken. Unter ihnen waren 5 Millionen Juden, zu denen noch 1,3 Millionen ermordeter Juden aus West- und Südosteuropa und 500 000 Sinti und Roma gerechnet werden müssen. Deutschland zählte etwa 6,3 Millionen Tote, darunter fast 5,2 Millionen Soldaten und 1,1 Millionen Zivilisten.
Fazit: Zusammenfassend kann man sagen, dass es beim Denkmal in Ahrensbök ausschließlich um die toten Soldaten der Heimat geht. Es gibt keine kritische Reflektion über die Kriegsursachen und die deutsche Schuld, die Opfer des Nationalsozialismus werden nicht benannt. Es wird nicht sichtbar:
- dass Krieg und Verbrechen vom nationalsozialistischen Deutschland ausgingen
- dass die Verbrechen vor allem von Angehörigen der Wehrmacht, Polizei und SS begangen wurden
- dass die Opfer des Krieges größtenteils Zivilisten waren.

Bei unserem Besuch 2019 waren wir erstaunt über die vielen Blumen auf Kränzen und Gestecken und die privaten Worte auf den Schleifen (»Danke für Deine Liebe«). Wir erfuhren, dass es hier üblich ist, überzählige Trauerbezeigungen von Bestattungen am Kriegerdenkmal abzulegen. Ist das ein guter Brauch?
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Historische Fotos
Foto: Kirchenkreisarchiv Ostholstein
Postkarte: Archiv Ev. Akademie der Nordkirche
Auf der unteren Postkarte sieht man sehr schön den dreieckig gestalteten Aufgang zum Denkmal.
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Die »Ehrentafeln« im Altarraum der Marienkirche
Wir stellen der Dokumentation den Erlass der Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins vom 24.1.1951 voran. Viele Kirchengemeinden in Schleswig-Holstein ignorierten ihn und behielten die Ehrentafeln für die toten Soldaten in ihren Kirchenräumen:
»Grundsätzlich gehört eine Gedächtnisstätte mit den Namen der Opfer des Krieges nicht in den Kirchenraum. In der Kirche gilt nur ein Name, der Name Christi! Es geht nicht an, dass unsere Kirchen durch die vielen Kriegerehrungen zu Weihehallen umgestaltet werden. Es ist zu prüfen, ob nicht die alten Tafeln aus dem Kirchenraum entfernt und in einem besonderen Raum angebracht werden können.«
Der komplette Altarraum in der Marienkirche ist umgeben von hölzernen »Ehrentafeln« für die toten Soldaten des 1. Weltkriegs.

131 Soldaten des Kirchenkreises Ahrensbök und umliegender Dörfer werden mit Dienstgrad (zum Teil abgekürzt), Namen, Heimatort, Einheit, Todesdatum und Ort benannt.

Die Verkleidung der Altarraumwand ist vollständig aus Holz und mit aufwändigem Schnitzwerk gestaltet. Die wiederkehrenden Elemente für die Aufzählung der toten Soldaten ähneln in der Form einem Kirchenfenster. In jedem Element werden nach einem Eisernen Kreuz in Kontur mal zwei, mal drei Soldaten genannt. Die Namen sind nach Sterbedatum der Soldaten geordnet. Als Beispiel die ersten zwei Tafeln:
1914 - 1915
• Horn Gefr. Th. / Töllner / Ahrensbök / Inf. Regt. 129 / 20.8.14 Gumbinnen
• Gefreiter / Franz Scheel / Ahrensbök / Inf. Regt. 85 / 23.8.14 Mons
2. Tafel:
• Unterffz. Friedr. / Wilh. Böhmker / Ahrensbök / Res. I.R.20 / 25.8.14 Mons
• Gefr. August / Burmeister / Grebenhagen / 4 Garde Regt. z.F. / 28.8.14 Proisy
• Füsilier Ernst / Petersen / Ahrensbök / Inf. Regt. 86 / 6.9.14 Neuvy
Mehr zu den Dienstgraden und dem Militarismus der Zeit im Kapitel: »Lerne vom Militär!«
Am Anfang und am Ende der Holzwand stehen jeweils vorstehende, reich verzierte Holzelemente mit einem Sinnspruch. Am Anfang lesen wir:
Niemand hat
größere Liebe
denn die
dass er sein
Leben lässet
für seine
Freunde
Joh. 15.13
Die Sinnsprüche zur Kriegerehrung sind selten Mahnungen zum Frieden. Mit diesem Bibelspruch jedoch soldatisches Tun zu loben und als guten Grund für den gewaltsamen Kriegstod zu nennen, ist perfide. Der Spruch wurde häufig verwendet, wobei die »Freunde« synonym zum »deutschen Volk« beziehungsweise zu den Kameraden gemeint waren. Der Glaube und die Liebe zu Gott verschmolzen mit dem Glauben an das deutsche »Vaterland«.
Mehr dazu im nächsten Kapitel: »Der Bibelspruch«.

Am Ende der Holzwand auf der anderen Seite des Altarraumes steht:
Den im Kriege
1914/18
für das
Vaterland
Gefallenen
Die dankbare
Kirchengemeinde
Ahrensbök
Kerstin Klingel schreibt in ihrem Buch »Eichenkranz und Dornenkrone« 2006 auf S.94: »Wenn in den Inschriften explizit erwähnt wird, für was die Soldaten gestorben sind, ist es in den häufigsten Fällen das ›Vaterland‹. Die Verwendung dieses Begriffes war nach dem Ersten Weltkrieg meist mit einer nationalistischen Haltung verbunden: das deutsche Vaterland, mit dem die eigene Identität untrennbar verknüpft ist, und nur das deutsche Vaterland stellt höchsten Wert dar. Dass dieses ›Vaterland‹ aus dem Streben nach europäischer Vormachtstellung mit im wahrsten Sinne Feuereifer in den Ersten Weltkrieg eingetreten ist, die Soldaten also in Wahrheit für einen Staat starben, der mittels ihrer Hilfe und ohne Rücksicht die eigenen Machtinteressen verfolgte, wird ausgeblendet.«

An diese Tafel schließt sich im Kirchenschiff unter einem Kruzifix das Gedenken an tote Soldaten früherer Kriege an. Die Steintafeln sind gleichartig reich verziert. Die linke ist unter einem Wappen mit dem Reichsadler den sechs toten Soldaten des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 gewidmet:
Den im Kampfe für deutsche Einheit
gefallenen Kriegern der Gemeinde
Ahrensbök gewidmet von Kameraden
und Freunden.
Darunter sehen wir ein Eisernes Kreuz im Lorbeerkranz.
Von den großen Schlachten gingen im gesamten Kriegsverlauf alle für Frankreich verloren oder endeten im Patt. Im Februar 1871 fand sich die französische Regierung, nach dem Fall von Paris, zum Vorfrieden von Versailles bereit.
Noch während Paris von deutschen Truppen belagert wurde, proklamierten die deutschen Fürsten und Vertreter der Freien Städte am 18.Januar 1871 im Spiegelsaal des Versailler Schlosses den preußischen König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser, eine Demütigung für die Franzosen. Hohe Reparationszahlungen und vor allem der Verlust Elsaß-Lothringens erzeugte einen dauerhaften, gegen Deutschland gerichteten Revanchismus. In Deutschland wiederum verfestigte sich die Vorstellung von der so genannten Erbfeindschaft gegenüber Frankreich.
»Die Deutung der Kaiserproklamation vom 18.Januar 1871 im Versailler Spiegelsaal als Demütigung Frankreichs gehörte ebenso zum erinnerungspolitischen Konzept des im Kaiserreich vereinten Deutschland wie die alljährliche Zeremonie des Sedantages, an dem der entscheidende Sieg vom 2. September 1870 gefeiert wurde. Doch jede Demütigung zieht die nächste nach sich, und so muss es kaum verwundern, dass Frankreich im Sommer 1919 nach Beendigung des Ersten Weltkrieges seinen Sieg über Deutschland ausgerechnet im Spiegelsaal von Versailles auskostete. Es gehört sicherlich zu den grössten Verdiensten Charles de Gaulles, dass er nach 1945 kein «drittes Versailles» folgen liess, sondern mit dem Elysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 die Kette gegenseitiger Demütigungen durchbrach.«
• Der Historiker Clemens Klünemann in Neue Zürcher Zeitung, 9.1.21
Die rechte Steintafel erinnert an die »Erhebung Schleswig-Holsteins« ab 1848. Unter dem Wappen von Schleswig-Holstein, zwei Löwen für Schleswig-Flensburg und das Nesselblatt für Holstein, wird an 14 Soldaten gedacht, die hierbei ihr Leben ließen:
Dem Andenken der fürs Vaterland gefallenen Krieger
der Schleswig=Holst. Armee von 1848 – 1850
aus den Kirchspielen Ahrensboek u. Gleschendorf Holst. Anth.
wie auch dem Stiftsdorfe Böbs
von Freunden u. Kameraden gewidmet.
Die Schleswig-Holsteinische Erhebung entstand im Zusammenhang mit den revolutionären Bewegungen 1848 als Konflikt zwischen den nationalistischen Strömungen in Dänemark und Deutschland. Die Schleswig-Holsteiner strebten die gemeinsame Loslösung der beiden Herzogtümer aus dem deutsch-dänischen Gesamtstaat und die Eingliederung beider in den Deutschen Bund an. Die dänischen Nationalisten wiederum strebten einen Nationalstaat an, zu dem nur das Herzogtum Schleswig gehören sollte.
Über diesem Konflikt kam es zu einem – mit Unterbrechungen – dreijährigen Krieg (1848 – 1851), bei dem die Schleswig-Holsteiner von den Staaten des Deutschen Bundes unterstützt und nach anfänglichen Erfolgen schlussendlich von der dänischen Seite besiegt wurden.
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Der Bibelspruch
»Niemand hat größere Liebe denn die daß er sein Leben lässet für seine Freunde. Joh 15.13«
Nach Hartmut Häger erfährt der Kriegstod mit diesem Zitat eine verfehlte Sinngebung, »die ihn in den Rang eines Erlösungsopfers erhebt, die ihn als größtmöglichen Liebesbeweis wertet und als bewusste Entscheidung, als bereitwillige Hingabe für seine Freunde« darstellt. (Häger Kriegstotengedenken in Hildesheim, 2006, S.148)
Einordnung der Ev.-luth. Landeskirche Hannover von Bibelsprüchen auf Kriegsdenkmälern
»Besonders durch die Niederlage im 1. Weltkrieg wurden vermehrt christliche Motive und Sprüche gesucht, um dem Soldatentod eine nachträgliche Deutung zu geben. Typisch war, Sprüche zu suchen, die sowohl eine christliche als auch eine profane Deutung zuließen.
Fast jedes Kriegerdenkmal war dafür gebaut und verfolgte den Sinn, den Militarismus zumindest indirekt zu stützen und zu fördern. Schon deshalb ist es höchst problematisch, auf diese Gedenkorte Worte des ›Friedefürsten‹ Jesus zu setzen. [...]
›Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde‹ (Joh 15,13). Dieser Satz folgt unmittelbar auf das Liebesgebot und steht in dem großen Zusammenhang der Abschiedsreden Jesu. Damit ist zunächst deutlich, dass es um die Lebenshingabe Jesu geht. [...]
Das Liebesgebot, das immer die Feindesliebe einschließt, in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Tod eines Soldaten zu setzen, der immer Täter und Opfer zugleich ist, halte ich für unangemessen. Auch ein zumindest indirektes in Beziehung setzen von Soldatentod zum Kreuzestod Christi, ist nicht akzeptabel.«
Mehr auf der Website »Evangelische Friedensarbeit«
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»Lerne vom Militär!«
Die toten Soldaten des 1. Weltkriegs in der Ahrensböker Kirche werden mit ihrem militärischen Dienstgrad genannt.

Horn Gefr., Musketier, Unterffz., Füsilier. Landstm. – die Dienstgradbezeichnungen der Soldaten und ihre Abkürzungen sind uns heute fremd, damals kannte sie jedes Kind. Schon im Kaiserreich blühte der Militarismus: so schneidig wie die preußischen Soldaten sollte die gesamte Gesellschaft sein: vom Greis bis zum Knirps. Unbedingter Gehorsam war das Ziel.
»Bereits die Kinder wuchsen in einer militarisierten Umgebung auf. Kriegsspiele waren äußerst beliebt. In kaum einem Kinderzimmer fehlte ein Satz Bleisoldaten, ebenso gehörte der Matrosenanzug zur Grundausstattung. Zu Weihnachten sangen die Kleinen: ›Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben, Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn’ und Säbel und noch mehr, ja ein ganzes Kriegerheer möcht’ ich gerne haben.‹ In der Schule setzte sich die Einübung militärischer Denk- und Verhaltensmuster fort. Vielerorts glich das Schulleben einem zackigen Paukbetrieb, der wenig Raum ließ für Spontanität und Kreativität. [...]
Postkarten (2): Archiv Ev. Akademie der Nordkirche
›Lerne vom Militär!‹ – so lautete das Mantra der pädagogischen Fachliteratur. Das Aufstehen der Schüler beim Eintreten des Lehrers ins Klassenzimmer habe ›mit einem einzigen Ruck zu geschehen‹ und müsse ›klappen wie ein Bataillonstritt bei der Parade‹, hieß es in einem Lexikon der Pädagogik. Im ›Gänsemarsch mit regelrechtem Soldatenschritt‹ müssten die Schüler in den Pausen das Klassenzimmer verlassen und ›zwei und zwei im Schulhof ordnungsgemäß auf und ab marschieren‹.«
• Volker Ullrich, ZEITGeschichte 4/2018, S. 45
... hier noch eine revanchistische Postkarte zur »Deutsche Jugend« nach dem 1. Weltkrieg:

Heil Dir Deutschland, deine Zukunft
Schimmert vor dir hell und klar
Denn der Heldensinn der Väter
Schlummert in der Jugend Schaar.
Aber auch 1956 billigt ein Leser der Frankfurter Illustrierten dem Militär, damals der gerade neu gegründeten Bundeswehr, in einem Leserbrief erzieherische Expertise zu:

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Die Gräber der Zwangsarbeiter:innen
Auf dem Friedhof hinter der Kirche sind in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs sieben Zwangsarbeiter:innen beerdigt worden.

Die schmiedeeisernen Grabkreuze mit unterschiedlichem Dekor sind in die hohe Hecke eingewachsen. Begraben sind hier:

Janina Piotrowska, *10.07.1922, +07.04.1945, Dekor: Engelsfigur mit Kreuz im Arm zusätzlich Sterne

Adolf Dorozko, *1889, +17.09.1942, ist 53 Jahre alt geworden. Dekor: das Symbol für Glaube, Liebe, Hoffnung = Kreuz, Herz, Anker zusätzlich Sterne.
Ausserdem sind hier begraben:
Stefan Zatora, *01.11.1903, +22.02.1945
Wladislaw Antizeak, *07.11.1923, +17.12.1943
Ignarz Banaciak, *20.05.1881, +18.07.1944
Das Kind Felix Dobnar, *13.5.41, +23.4.45
Jekatharina Sys, *1864, +10.09.1944
Eine Informationstafel der Gedenkstätte Ahrensbök wurde am 29. September 2024 am »Tag des Friedhofs« eingeweiht. Leider ist mittlerweile Wasser eingedrungen, der Text ist schlecht zu lesen:

»Letzte Zeugnisse des Zwangsarbeitereinsatzes in Ahrensbök
1294 Menschen, vorrangig aus Polen und der damaligen Sowjetunion, mussten in der Gemeinde Ahrensbök mit ihren 19 Dörfern v.a. zwischen 1943 und dem Kriegsende 1945 Zwangsarbeit leisten. Unter ihnen waren Frauen, Männer, Kinder. Zwangsarbeit wurde in Fabriken, Betrieben und Bauernhöfen geleistet. Der Anteil der »zivilen ausländischen Arbeitskräfte« lag bei 20 Prozent der Ahrensböker Gesamtbevölkerung.
Die 7 Grabkreuze auf dem Ahrensböker Friedhof sind nahezu die letzten sichtbaren Zeugnisse dieses Zwangsarbeitereinsatzes. Für sie besteht ewiges Ruherecht.«
Der zweite Teil des Tafeltextes gilt dem grabsteinartigen Monument mitten zwischen den Grabkreuzen, das allerdings mit den toten Zwangsarbeiter:innen nichts zu tun hat: Es ist den Opfern des Todesmarsches durch Ahrensbök gewidmet:
»Zeugnis des Todesmarsches – Grab für 6 unbekannte KZ-Häftlinge
Leider wissen wir über die Personen, die hier begraben sind auch heute noch nicht mehr. Es gibt verschiedene Aussagen zu den Toten: Mehrere Zeitzeugen berichten von Erschießungen im Ortsteil Bokhof direkt an der Landstraße zwischen Lübeck und Ahrensbök gelegen.
Dort entlang wurden die KZ-Häftlinge beim Todesmarsch in Richtung Neustadt/Holstein getrieben. Die 6 unbekannten Häftlinge wurden mit dem Pferdewagen auf den Friedhof nach Ahrensbök gebracht und noch am Tag ihres Todes, dem 13. April 1945 begraben. Wann der Grabstein aufgestellt wurde und von wem, ist nicht bekannt. Für sie besteht ewiges Ruherecht.«

Die Inschrift im weißen Band lautet:
Unrecht
war unser Tod
6 unbekannte
KZ.-Häftlinge
Den Lebenden
zur Warnung
Den Kommenden
zur Mahnung
Mehr zum Todesmarsch im voran gestellten Text: »2025: Projekt der Gedenkstätte Ahrensbök« und im Kapitel »Der Todesmarsch«
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Das Eiserne Kreuz
Auf Kriegerdenkmälern wird der militärische Orden den toten Soldaten posthum und kollektiv verliehen. Der Tod im Krieg wird als Beweis für die »Vaterlandstreue« und die Tapferkeit der Soldaten gewertet.
Nach einer Skizze des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III wurde der berühmte Baumeister Karl Friedrich Schinkel am 13. März 1813 mit der Erstellung einer Reinzeichnung für das erste Eiserne Kreuz beauftragt. Grundlage des Entwurfs sollte das Emblem des Deutschen Ordens sein, aus dem das Herzogtum Preußen hervorgegangen ist. Die Symbolik des Kreuzrittertums des Deutschen Ordens beinhaltete damit auch die Bezugnahme auf den Kreuzzugsgedanken, der auf die Befreiung von der napoleonischen Zwangsherrschaft übertragen wurde.
»Das Eiserne Kreuz wurde erstmalig 1813 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. gestiftet. Es war der erste militärische Orden, der nicht nur an Offiziere, sondern auch an einfache Soldaten für ihre militärischen Verdienste verliehen werden konnte. Kurz darauf führte der König die allgemeine Wehrpflicht ein. Das bisherige Söldnerheer wandelte sich zum Bürgerheer und für die Bürger mussten Anreize geschaffen werden, das eigene Leben im Krieg aufs Spiel zu setzen. Damit begann eine neue Zeit beim preußischen Militär: Soldaten waren nicht mehr nur Befehlsempfänger ohne Stimme und ohne Namen, sondern seit dieser Zeit wurden sie zu Vorbildern gemacht, denen nachgeeifert werden sollte. Der König versprach in der Stiftungsurkunde jedem Soldaten für den eventuellen Kriegstod ein Denkmal, das heißt, die Erwähnung auf einem Denkmal. Zumeist wurde das damals als Tafel in einer Kirche realisiert: Zeugnis der engen Verbindung von Monarchie und Kirche.«
• Kerstin Klingel, Eichenkranz und Dornenkrone 2006, S. 44f
Am 8. August 1914 hatte Wilhelm II dann in seiner Eigenschaft als preußischer König die Stiftung seiner beiden Vorgänger erneuert und machte das Eiserne Kreuz durch seine breit angelegte Verleihungspraxis zu einem quasi deutschen Orden. Mit der vierten Stiftung zu Beginn des 2. Weltkriegs durch Adolf Hitler wurde es am 1. September 1939 auch offiziell zu einer deutschen Auszeichnung. Hitler verzichtete auf seine Initialen als Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, die auf ihn persönlich vereidigt war. Stattdessen wurde das Hakenkreuz, das Symbol des NS-Staates, in die Mitte des traditionsreichen Ordens eingefügt und von der Rückseite wurden das Monogramm König Friedrich Wilhelms III. und das Eichenlaub entfernt.
Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin, Inv.-Nr. PK 2005/2
• Die von Adolf Hitler am 8. November 1939 anlässlich des Überfalls auf Polen ausgegebene Losung
»Vor allem die nahe der Front operierenden Sonderkommandos, die sowohl Juden ermordeten als auch an der Partisanenbekämpfung beteiligt waren, wurden von den Armeegenerälen reichlich mit Eisernen Kreuzen bedacht. Um nur die größten Verbrecher unter ihnen zu nennen, sei auf Rudolf Lange verwiesen, der für den Mord an den Juden Lettlands verantwortlich war, und auf Friedrich Jeckeln, der Massaker um Massaker organisierte, in der Westukraine, in Kiew (Babij Jar) und in Riga. Beide bekamen schließlich das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse.«
Zitiert aus einem Artikel »Orden für Massenmord« von Dieter Pohl
DIE ZEIT, 5.6.2008
Als Kriegsauszeichnung oder Verdienstorden wird das Eiserne Kreuz seit 1945 nicht mehr verliehen. Aufgrund seiner identitätsstiftenden Tradition bestimmte am 1. Oktober 1956 Bundespräsident Theodor Heuss das Eiserne Kreuz zum Erkennungszeichen für die Luftfahrzeuge und Kampffahrzeuge der Bundeswehr. So stellt es in allen drei Teilstreitkräften das Hoheitszeichen dar (z. B. an gepanzerten Fahrzeugen und an Luftfahrzeugen). Die Truppenfahnen der Bundeswehr tragen in ihrer Spitze ein durch goldenes Eichenlaub umfasstes Eisernes Kreuz. Auch das Ehrenzeichen der Bundeswehr (Ehrenmedaille, Ehrenkreuz in Bronze, Silber oder Gold) trägt das Eiserne Kreuz als Symbol für Freiheitsliebe, Ritterlichkeit und Tapferkeit auf der Vorderseite. Ebenso wird es auf Briefen, Visitenkarten und im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit als »Dachmarke« der Bundeswehr verwendet. Das Eiserne Kreuz als Symbol findet sich noch heute in verschiedenen Verbandsabzeichen der Bundeswehr.
• Nach Wikipedia, abgerufen am 7. 12. 2017
Das Eiserne Kreuz ist das am häufigsten gezeigte Symbol in der rechten Szene. Es wird in allen erdenklichen Formen angeboten, z. B. als Ohrstecker, Anhänger oder Gürtelschnalle.
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Der Stahlhelm
Die neuen Methoden der Artilleriekampfes im 1. Weltkrieg erforderten einen verbesserten Kopfschutz für die Soldaten. Der neue Helm aus Stahl wurde entwickelt, der die bis dahin getragenen ledernen Pickelhauben ablöste. Die ersten 30.000 Helme wurden im Dezember 1915 an die Truppen an der Westfront ausgeliefert.
Die Vorstellung von der stählernen Schutzwirkung wurde fortan auf Postkarten, Kriegsanleiheplakaten, Schmuckblättern usw. propagandistisch ausgeschlachtet und symbolisch überhöht. Bis zum Ende des 2. Weltkrieges wurde dieser Symbolwert noch gesteigert.
Postkarte: Archiv Ev. Akademie der Nordkirche
Die Einführung eines Stahlhelms für die Bundeswehr im Juni 1956 war ein Politikum. Den Forderungen des Militärs nach einem wirksamen Kopfschutz für die Soldaten wurde nur sehr zögerlich entsprochen. Unter keinen Umständen sollte der Helm für die Bundeswehr auf Konstruktionen beruhen, die an die Zeit des Nationalsozialismus erinnerten.
Für den aktuellen »Gefechtshelm, allgemein«, der am 15. Januar 1992 eingeführt wurde, galten diese politischen Bedenken nicht mehr. Der Helm sollte unter Wahrung der modernsten militärischen Gesichtspunkte auch alle Vorteile des Stahlhelms M35 in sich vereinigen.
Die Stahlhelme der alten Form blieben weiterhin im Gebrauch beim Bundesgrenzschutz und der Polizei.
Im Internet bieten eine Menge Militaria-Händler »Original-Stahlhelme der Deutschen Wehrmacht« zum Kauf an. Auch ein »Kinderhelm wie Stahlhelm M35 Wehrmacht Luftwaffe« für 190 Euro ist im Angebot. Ein T-Shirt, das Amazon anpries mit dem Aufdruck »SS-Stiefel, die besten Wanderschuhe aller Zeiten« wurde erst nach scharfen Protesten aus dem Sortiment genommen.
»Früher musste der Wehrmachtsfan noch in schmuddelige Militaria-Läden schleichen oder dreimal nachdenken, ob er seine Adresse bei einschlägigen rechtsextremen Versandhäusern hinterlassen will. Dank Amazon genügt jetzt ein Klick und der Wehrmachtsstahlhelm liegt auf dem Gabentisch«, empört sich die damalige Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke auf www.stimme.de. Kevin Kühnert, ehemals SPD-Vorstandsmitglied, sagt dazu: »Ein angemessener Schritt wäre, die bisherigen Gewinne aus diesen Produkten an Gedenkstätten der Opfer des Nationalsozialismus zu spenden.«
Mehr dazu auf www.stimme.de: Stahlhelm unterm Christbaum
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Eichenlaub
Eichenlaub ist in der militärischen Symbolsprache ein Zeichen hoher Ehre. Der dreiblättrige Eichenzweig hatte seine Blütezeit im Nationalsozialismus, siehe das Foto von SS-Obergruppenführer und General der Waffen SS Theodor Eicke im Jahr 1942 weiter unten.
Die Eiche zählt schon lange als »deutscher« Baum. Ihr hartes Holz und das charakteristische, spät fallende Laub machten sie seit der Zeit der Germanen zum Symbol für Unsterblichkeit und Standhaftigkeit. In jüngerer Zeit, besonders seit der Romantik, gilt die Eiche zudem als Symbol der Treue.
Mit der Nationalromantik des 19. Jahrhunderts, mit der Deutschen Revolution 1848/1849 und der Reichsgründung 1871, die das Gefühl nationaler Einheit bestärkten, zog das Eichenlaub in die deutsche Symbolsprache ein. Auf deutschen Ehrenmalen, Kränzen, Hoheitszeichen und dergleichen dient Eichenlaub in ähnlicher Form wie Zweige des Lorbeerstrauches bzw. der Lorbeerkranz.
• Nach Wikipedia, abgerufen am 12. November 2019
»Die Eiche beziehungsweise das Eichenlaub setzen im Denkmal einen deutsch-nationalen Akzent. Die Eiche galt seit dem 18. Jahrhundert als heldisch-deutsches Symbol und assoziiert als ›deutsche Eiche‹ darüber hinaus urwüchsige Stärke und mythologische Vergangenheit.«
• Reinhard Alings, Monument und Nation, Berlin 1996, S. 525
»Mit der Reichsgründung 1871 und dem Gefühl nationaler Einheit zog das Eichenlaub in die deutsche Symbolsprache ein. Auf deutschen Ehrenmalen, Kränzen, Hoheitszeichen, Orden und dergleichen diente es in ähnlicher Form wie Zweige des Lorbeerstrauches. Das Parteiabzeichen bzw. Parteisymbol der NSDAP hatte von 1920 bis 1945 einen Adler als Zeichen, der einen Eichenkranz in seinen Fängen hielt. Unerschütterlich ›wie die deutsche Eiche‹ und ähnliche Sprüche ließ die NS-Propaganda ab 1933 in Zeitungen veröffentlichen und über Lautsprecher verkünden. Da griff dann auch der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler zum Spaten und pflanzte Eichen. [...] Im deutschen Volk wurde Hitler nach seiner Ernennung zum Reichskanzler fast schlagartig mit der deutschen Eiche gleichgesetzt. Denn für ihn pflanzten fast alle Städte und Dörfer, Stadt- und Ortsteile ihre ›Hitler-Eichen‹.«
• Wolf Stegemann, www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de
Diese Geschichte steht in der »Chronik der Landgemeinde Rethwisch« von Doris Moßner und Inga Rogga aus dem Jahr 2001:
»1933 wurde mit einer offiziellen Zeremonie eine Adolf-Hitler-Eiche auf dem Dorfplatz gepflanzt (s. Foto). Auf dem Foto sieht man Heinrich Behnke, [...] sowie Hartwig Gäde. Herbert Hansen, mit weißen Kniestrümpfen, musste damals ein Gedicht aufsagen. Lehrer Kühl hielt eine Rede.

Am 8. Mai 1945, am Tag der deutschen Kapitulation, wurde die Eiche von Ernst Meier mit den Worten umgehauen: ›Du Aas kümmst af!« Hartwig Gäde erzählt dazu: ›As ik ut de Gefangenschaft, ut den Krieg kam, da käm de ole Meier to mi hin un seggt: ›Soll ik di mal wiesen, wo diene Adolf Hitler Eiche is? Denn komm mal mit!‹. Da ist er dann mit mir in seinen Garten gegangen und zeigte auf einen Zaunpfahl. Die Eiche hatte er abgesägt und einen Zaunpfahl daraus zurechtgeschnitten. Der alte Meier war der SPD treu geblieben.«
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1974-160-13A / CC-BY-SA 3.0
Eichenlaub als höchste Zier: SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Theodor Eicke im Jahr 1942.
»Eichenlaub« war ab 1999 ein rechtsextremes Liedermacher-Duo aus dem Umfeld des Thüringer Heimatschutzes.
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Kaiser Wilhelm I.
Am 22. März 1897 feiert man überall im Deutschen Reich den 100. Geburtstag des Kaisers Wilhelm I., der wegen seiner Verdienste zur Reichseinigung von Kaiser Wilhelm II. nun zum »Kaiser Wilhelm der Große« erklärt wurde. In Ahrensbök steht seine Bronzebüste auf einem hohen Granitsteinsockel.
Foto: Genet / Wikimedia Commons
Die Inschrift auf dem Steinsockel lautet:
Dem Andenken
unserer Kaisers
Wilhelm I.
1891.

Auf dem kleinen Sockel der Büste steht:
Ich habe
Keine Zeit mehr müde zu sein
Das soll Wilhelm I. im hohen Alter gesagt haben. Eine 1891 geschaffene Gruppe des Bildhauers Michel Lock zeigt den in einem Lehnstuhl sitzenden sterbenden Kaiser Wilhelm I. mit dem Todesengel. Michel Lock nannte sein Werk. »Ich habe keine Zeit müde zu sein«. Die Ahrensböker fügten ein »mehr« dazu.
Kaiser Wilhelm I. und sein Kanzler Bismarck haben ihr Jahrhundert geprägt. Um beide entstand nach ihrem Tod eine kultische Verehrung. Kaiser Wilhelm II. förderte den Kult um seinen Großvater, für den zu dessen 100. Geburtstag das riesige Nationaldenkmal in Berlin, etwa 350 Denkmäler in deutschen Städten und zahlreiche Gedenksteine, [...], eingeweiht wurden.«

Ausschnitt einer alten Postkarte aus den ersten Jahren des Wilhelm-I.-Denkmals. Sie wird im Heimatmuseum von Ahrensbök gezeigt.
Website des Heimatmuseums
Postkarte: Archiv Ev. Akademie der Nordkirche
In späteren Jahren sehen wir Kaiser Wilhelm I. mit repräsentativem Aufgang, der sich nicht bis heute erhalten hat.
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1915: Die Nagelung des Eisernen Kreuzes
Klaus Zutz beschreibt die Nagelung: »Man beauftragte den in Ahrensbök ansässigen Kunstmaler Wilhelm Krützfeld ein großes Bild zu malen, worauf er eine Ansicht Ahrensböks mit der Umsetzung des Namens (Adler und Buche) sowie das Eiserne Kreuz mit Wappenschild darstellte. Während eines Festes unter der Friedenseiche auf dem Lornsenplatz in Ahrensbök am 26. September 1915 wurde das Bild der Bevölkerung vorgestellt; gleichzeitig sollte durch die Einnahmen des Nagelverkaufs für die Nagelung des Eisernen Kreuzes den Verwundeten geholfen werden.
Pastor Namenhauer berichtete damals in der Kirchenchronik: ›Die Feier nahm am 26. September [1915] 3 1/2 Uhr mit einem Feld- und Festtagsgottesdienst auf dem Lornsenplatz ihren Anfang. Nachdem die hiesigen Vereine und Körperschaften sowie auch die Schulkinder mit ihren Fahnen um die Friedenseiche Aufstellung genommen hatten, erklang unter Musikbegleitung von Musikern der Kieler Marinekapelle als Einleitung des Gottesdienstes das Niederländische Dankgebet über den Platz hinaus. Dann betrat Pastor Namenhauer das Podium unter der Eiche und hielt (...) die Festpredigt. (...) Gemeinschaftlicher Gesang, Gebet und Segen beendeten die stimmungsvolle Feier. Nach einer kleinen Pause brachte zunächst Herr Fabrikant Hartmann als Vorsitzender des Bürgervereins ein Hurra auf unser Heer und Flotte, unsere Heerführer, unsere Bundesfürsten und S. Majestät den Kaiser aus. Dann begann die Nagelung. Das von Herrn Wilh. Krützfeld hierselbst für diesen Zweck erstellte und künstlerisch ausgeführte Bild fand allgemeine Anerkennung. Es zeigt das Wahrzeichen Ahrensböks, die alte Buche mit einem Aar (Adler) auf einem Ast sitzend, auf einem Schild das Eiserne Kreuz: im Hintergrund sieht man unsere Marienkirche und unsere Volksschule.

Den ersten Nagel schlug Herr Fabrikant Hartmann als Vorsitzender des Bürgervereins ein mit den Worten: Heil und Sieg unserer Armee und unserer Flotte. Dann folgte Herr Pastor Namenhauer mit den Worten: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein, hierauf Herr Forstassessor Hayessen für den Flottenverein, Herr Ratsherr Jungclaussen für unsere Stadtvertretung. Dann folgten die verschiedenen Vereine mit ihren Vertretern und Privatpersonen. Die meisten Nägel wurden mit hübschen Sinnsprüchen eingeschlagen und viele Anwesende nahmen freudig Anteil an der Bestätigung vaterländischer Liebe und Dankbarkeit gegen unsere Krieger und spendeten gerne ihr Scherflein. In kurzer Zeit waren 2.000 Mark für die Nagelung gezeichnet.‹«
Klaus Zutz fasst ergänzend aus der Kirchenchronik zusammen: »Nägel à 10 Mark, 1 Mark und 50 Pfennige konnten auf dem Lornsenplatz gekauft werden. Gegen 6 Uhr leerte sich der Platz, nachdem noch die Schulkinder verschiedene Lieder gesungen hatten. Abends fand eine Nachfeier im Hotel Germania statt, wobei wiederum die Kieler Marinekapelle mitwirkte. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Bis in späte Stunde wurde gefeiert.
Der Ertrag aus der Nagelung wird nach Abzug der Unkosten an die Blinden- und Krüppelheime für unsere Soldaten abgeführt, beschloß der Bürgerverein. Dieses alte Bild, von einer Größe von ca. 1,80 Meter Höhe und etwa 1 Meter Breite auf Holz gemalt, war lange Jahre in unserer Kirche eingelagert gewesen, bis der Förderverein Heimatmuseum der Großgemeinde Ahrensbök es als Dauerleihgabe von der Kirchengemeinde erhielt.«
Wir danken Klaus Zutz für die Genehmigung seinen Text – Ahrensböker Marienkirche 670 Jahre (1328–1998), in: Jahrbuch für Heimatkunde (1999), S. 149–152 – und sein Foto des Nagelbildes hier einzustellen. Wir haben das Bild im Heimatmuseum gesehen, es ist imposant groß!
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1928: 600 Jahrfeier
Pfingsten 1928 feierte Ahrensbök sein 600-jähriges Bestehen. Pastor Dahm erstellte dafür ein »Büchlein«. Wir zitieren daraus:
»Inzwischen ist der Sturm weltgeschichtlicher Ereignisse von neuem auch über unseren Ort gebraust. Die Namen der im Weltkriege Gefallenen auf den Ehrentafeln in unserer Kirche zeigen, daß auch unser Ort das Seine dazu beigetragen hat, die Heimat vor einem Krieg auf heimatlicher Erde zu bewahren. Nach dem Krieg ist wieder eine neue Zeit gekommen. Neue Gedanken und neue Ziele kamen wie mächtige Naturgewalten auch über unser stilles Land. Das fühlen wir alle: Etwas Neues ist im Werden. Aus dem Trümmerfeld der alten baut sich eine neue Weltgeschichte auf. Und wenn im Sommer die Flugzeuge über unserem Ort ihre Bahnen ziehen, – ganz gewiß, sie muten uns wirklich an, wie Prediger einer neuen Zeit.«
Foto: Kirchenkreisarchiv Ostholstein
• Wir danken Andreas Schmütz vom Kirchenkreisarchiv Ostholstein für seine Hilfe bei unserer Recherche.
Auch die Vaterstädtischen Blätter aus Lübeck berichten über die 600 Jahrfeier, illustriert mit einem Foto der Zuschauer am erhöhten Kaiser-Wilhelm-Denkmal, die auf den Festumzug warten.
Foto: Vaterstädtische Blätter Lübeck, 1928
»Nach einem feierlichen Festgottesdienst in der Frühe des 2. Pfingsttages und einer sich daran anschließenden erhebenden Gefallenenehrung erfolgte am Nachmittag des Tages der Marsch des Festzuges durch die Stadt, der einen imposanten Eindruck auf die Bevölkerung und die Gäste machte.«
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Die KZ-Gedenkstätte
Vom 3. Oktober 1933 bis zum 9. Mai 1934 befand sich auf dem Gelände der heutigen Gedenkstätte Ahrensbök das wilde KZ Ahrensbök. Die Gedenkstätte Ahrensbök wurde am 8. Mai 2001 in dem einzigen in Schleswig Holstein erhaltenen Gebäude eröffnet, in dem 1933 ein frühes KZ bestand. An Beispielen aus der Region werden Anfang, Alltag und Ende der nationalsozialistischen Diktatur zwischen 1933 und 1945 thematisiert.
Kaum zu glauben, dass alles mit einer Konfirmandenstunde im Frühjahr 1996 begann. Der damalige Ahrensböker Pastor Michael Schwer sprach mit den Jugendlichen darüber, dass Jesus jüdisch war. Als eine Konfirmandin keifte, was Scheißjuden in einer deutschen Bibel zu suchen hätten und andere Jugendliche nickten, erkannte Schwer eine Aufgabe. Er unternahm mit seinen Konfirmanden einen Kreuzweg zu Stätten des Nationalsozialismus in Ahrensbök, besuchte dabei eine Fabrik, in der Zwangsarbeiter gelebt, gearbeitet und gelitten hatten, stieß schließlich auf ein marodes Gebäude am Ortsrand, das 1933 ein frühes KZ beherbergt hatte.
Foto: Wikimedia Commons / Genet
Heute wird in fünf Dauerausstellungen in Bildern und Texten gezeigt, dass Terror und Kriegsfolgen zwischen 1933 und 1945 nicht nur in fernen Orten stattfanden. Auch in Gemeinden wie Ahrensbök regierte der nationalsozialistische Terror. Diese Kleinstadt steht exemplarisch für den schwierigen Versuch, die Erinnerung daran vor Ort auf eine feste Grundlage zu stellen. Mit den Ausstellungen in dieser Gedenkstätte soll das allzu lang Vergessene und Unterdrückte öffentlich gemacht werden.
KZ-Gedenkstätte Ahrensbök
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Der Todesmarsch
Am 19. Januar 1945 begann im Auschwitz-Außenlager Fürstengrube in Oberschlesien die Evakuierung des Lagers, bedingt durch die herannahenden Truppen der Roten Armee. Fehlende Ernährung, Krankheiten, Erschöpfung, Misshandlungen und Morde forderten auf diesem Todesmarsch von Januar bis Mai 1945 mit mehreren Zwischenstationen zahlreiche Opfer.
Der Todesmarsch erfolgte unter Leitung des letzten Lagerleiters SS-Oberscharführer Max Schmidt aus Neuglasau.
Vom Zeitpunkt der Evakuierung an befanden sich noch 1283 Gefangene, meist jüdischer Herkunft, in Fürstengrube. Davon wurden etwa 250 erschossen und die verbliebenen rund 1000 Gefangenen auf einen Todesmarsch nach Gleiwitz getrieben, dort in offenen Bahnwaggons deportiert und innerhalb von 14 Tagen über Mauthausen in Österreich nach Nordhausen am Harz in das KZ Mittelbau transportiert. Bei dem Transport erfroren viele Häftlinge, die unzureichend gekleidet, ungeschützt und geschwächt durch die Lagerhaft einer Witterung von minus 20° nicht mehr standhalten konnten. Die Toten, die während der Fahrt starben, wurden zum Teil bereits auf der Fahrt kurzerhand aus dem Zug geworfen. Ihre Leichen fand man entlang der Bahnschienen und bestattete sie auf den angrenzenden Friedhöfen.
Nach der Ankunft der wenigen Überlebenden dieses Transportes wurden die Häftlinge in der unterirdischen Waffenfabrik der Oda-Werke in Blankenburg eingesetzt, einem Außenlager des KZ Mittelbau, wo sie die so genannten V-Waffen V1 und V2 in Zwangsarbeit herstellen mussten.
Nach vier Wochen im KZ Mittelbau wurden 200 überlebende Häftlinge gesammelt und nach Magdeburg getrieben. Auf dem Weg dorthin traf die Kolonne auf eine Gruppe von 300 Häftlingen – mehrheitlich sowjetische Kriegsgefangene sowie Holländer, Franzosen und Belgier – die gemeinsam weitergetrieben wurden.
Die Häftlinge wurden am 9. April 1945 auf einen offenen Schleppkahn verladen und über die Elbe nach Lauenburg und den Elbe-Lübeck-Kanal nach Lübeck transportiert, wo sie am 12. April 1945 im Industriehafen Lübeck-Vorwerk eintrafen.
Von dem Industriehafen Lübeck-Vorwerk aus wurden die Häftlinge am 13. April 1945 17 km weit über Bad Schwartau (dort wurden 3 Menschen erschossen), Pohnsdorf, Curau (auf dem Weg dorthin wurden 20 Menschen erschossen) nach Ahrensbök getrieben, das sie am 14. April 1945 erreichten. Dort wurden die Häftlinge in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe wurde in eine vier Kilometer entfernte Feldscheune bei Siblin, die andere sechs Kilometer in eine Scheune bei Glasau/Sarau getrieben.
Die Häftlinge verblieben dort bis zum 30. April 1945. Während dieser Zeit wurden weitere Häftlinge erschossen. Die aus Westeuropa stammenden Häftlinge wurden Ende April vom Schwedischen Roten Kreuz unter Graf Folke Bernadotte gerettet, bekannt als die Rettungsaktion der Weißen Busse.
Anfang Mai mussten die Häftlinge über Süsel nach Neustadt in Holstein marschieren. In Süsel wurden am Abend des 1. Mai 1945 zwei Häftlinge in der Scheune auf Gut Süselerhof erschossen, zwei weitere starben dort in der Nacht.
In Neustadt wurden die verbliebenen Häftlinge auf die Cap Arcona verschifft. Durch einen Angriff von Jagdbombern der Royal Air Force, der am 3. Mai 1945 zur Versenkung der Cap Arcona führte, kamen die meisten der 4600 Häftlinge, die sich zur Zeit des Angriffes auf dem Schiff befanden, um.
Die Toten sind auf dem Waldfriedhof der Gemeinde Timmendorfer Strand, auf dem Ehrenfriedhof Cap Arcona in Neustadt und auf dem »Ehrenfriedhof« bei Haffkrug begraben.
• Nach Wikipedia, abgerufen am 28. März 2019
Eine ausführliche Dokumentation mit vielen Fotos und Landkarten finden Sie auf der Website der Gedenkstätte Ahrensbök.
Gedenkstätte Ahrensbök
Mehr zu den Todesmärschen auf LeMO
1998 erschien Gerhard Hochs Buch »Von Auschwitz nach Holstein. Die jüdischen Häftlinge von Fürstengrube«.
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Der Film »Verdrängen und Erinnern«
Zum 20jährigen Bestehen der Gedenkstätte Ahrensbök hatte der beeindruckende Film »Verdrängen und Erinnern – eine Kindheit im Nationalsozialismus« von Martina Fluck Premiere.

Zeitzeugen und Protagonisten sind die Ahrensböker Hans Otto Mutschler und Dr. Jörg Wollenberg.
Link zum Film auf YouTube
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Wegzeichen
Seit dem 1. September 1999 markieren zwölf Stelen – frei und aufrecht stehende Platten aus Beton mit eingelassenen Tontafeln und Tonfiguren – die Wegstrecke, auf der im April 1945 etwa 500 Häftlinge aus den Konzentrationslagern Auschwitz-Fürstengrube und Mittelbau-Dora von Lübeck über Bad Schwartau, Pohnsdorf, Curau, Bokhof, Dunkelsdorf, Ahrensbök, Siblin, Sarau, Süsel bis nach Neustadt i.H. marschieren mussten, wo die meisten auf Häftlingsschiffen in der Lübecker Bucht während eines britischen Bombardements ihr Leben verloren.

• Die Stele in der Lübecker Straße bei der Marienkirche
Die Wegzeichen sind das Werk von 15 jungen Menschen aus Polen, Tschechien, Weißrussland und aus Deutschland. Während eines gemeinsamen internationalen Sommerlagers – initiiert von der Gruppe 33, einer Bürgerinitiative, die sich als Arbeitsgemeinschaft zur Zeitgeschichte in Ahrensbök organisiert hatte – und in Zusammenarbeit mit der international aktiven Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste – arbeiteten sie 14 Tage unter Anleitung des Berliner Künstlers Wolf Leo.
Fotos (2): Wikimedia Commons / Genet
Nicht an Schuld, so Wolf Leo, sollen die Stelen erinnern, sondern an die Verantwortung der Nachgeborenen.
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